Die Reise zum Ostpol

Die Bucht von Nagasaki, im Vordergrund die Hafeninsel Dejima 1828. Eine Radierung von Carl de Villeneuve aus Siebolds 'Nippon-Archiv'
Die Bucht von Nagasaki, im Vordergrund die Hafeninsel Dejima 1828. Eine Radierung von Carl de Villeneuve aus Siebolds 'Nippon-Archiv'

Der junge Arzt Philipp Franz von Siebold segelt 1823 nach Japan und erforscht erstmals das seit zweihundert Jahren abgeschottete Inselreich. Nach zwei spektakulären Operationen wird 'Shiboruto', wie die Japaner ihn nennen, als erster ausländischer 'Meister' oder Sensei verehrt, erhält noch nie dagewesene Privilegien und heiratet eine junge Japanerin. Ihre gemeinsame Tochter wird die erste Ärztin in Japan. Doch Siebold ahnt nicht, in wessen Auftrag er seine ehrgeizige wissenschaftliche Tätigkeit in Japan entfaltet, mit der er das Schicksal des Landes und den Verlauf der Weltgeschichte weit über seine Lebenszeit hinaus bestimmen wird.

 

Ohne zuviel verraten zu wollen: Es ist Siebolds spektakulärer Schmuggel von japanischen Landkarten, der eine unheilvolle Kette von Ereignissen auslöst, und die erst im August 1945 in Hiroshima abreißt.  

 

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Die Entdeckung des Ostpols spielt am Ende jener Epoche in Japan, deren Beginn um 1600 James Clavell in seinem hinreißenden Weltbestseller Shogun beschrieben hatte.  Sie wird Tokugawa- oder Edo-Zeit genannt, wobei Tokugawa die Dynastie der Shogune bezeichnet, die bis 1868 regierten, und Edo der alte Name für das heutige Tokio ist. Die Entdeckung des Ostpols erzählt erstmals in einem großen Gemälde die Geschichte vom Ende dieser Epoche und von der Geburt des modernen Japans im 19. Jahrhundert. Siebold kam eine entscheidende Rolle zu bei den mannigfachen Umbrüchen und Krisen, die die ‚Öffnung‘ des Landes begleiteten, zuletzt als einziger ausländischer Berater des Shoguns. Sein Wirken bestimmte das Schicksal Japans noch weit über seine Lebenszeit hinaus. 

 

Ein historischer Tatsachenroman

Die goldene Chrysantheme, das Wappen des japanischen Kaisers, an der Pforte des Yasukuni-Schreins
Die goldene Chrysantheme, das Wappen des japanischen Kaisers, an der Pforte des Yasukuni-Schreins

Die Entdeckung des Ostpols ist der erste historische Tatsachenroman. Die Personen und Ereignisse sowie die politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Hintergründe sind fast durchgehend historisch verbürgt. Auf neun Teile geschichtlicher Wirklichkeit kommt nur ein Teil literarischer Fiktion. Es mag seltsam klingen, aber das hat es bisher noch nicht gegeben, schon gar nicht in der deutschen Literatur. Hier könnte man als einzigen Vorläufer vielleicht Wallenstein. Sein Leben erzählt von Golo Mann aus dem Jahr 1971 nennen. Doch Golo Mann näherte sich Wallenstein von der akademisch-wissenschaftlichen Seite, um diese mit der Literatur zu verbinden. Die Entdeckung des Ostpols ist dagegen im Herzen eine neue Form der Literatur, die sich zutraut, die wissenschaftliche Geschichtsschreibung über ihre Fehler aufzuklären und das ganze Feld der Forschung zu erweitern.

 

Deshalb folgt die Nippon-Trilogie nicht den üblichen handwerklichen Regeln des historischen Romans, der sein Material und seine fiktiven Zutaten einem erzwungenen Spannungsbogen und einer künstlichen 3- oder 5-Akte-Struktur unterwirft. Im historischen Tatsachenroman folgt die Entwicklung der Erzählung vielmehr den wahren Begebenheiten.  Dabei wird nur so viel Fiktion verwendet wie nötig ist, um die Irrnisse und Wirrnisse der Zeitläufte verständlich und gut erzählbar zu machen. Der große Spannungsbogen der Nippon-Trilogie, also was der Teufel mit Siebolds Einsatz in Japan wohl bezweckt, ist zwar eine fiktive Idee, deren historischer Gehalt aber bestens belegt ist. Er wurde bisher nur nicht wahrgenommen, selbst von den besten Historikern nicht. Das heißt, hier wurde Fiktion eingesetzt, um historische Wirklichkeit sichtbar zu machen.

 

Noch ein Wort zu Golo Manns Wallenstein-Biographie. Sie war für viele Leser eine sprachliche Herausforderung, denn Mann versuchte die deutschen Soziolekte des frühen 17. Jahrhundert möglichst akkurat wiederzugeben. Das war für moderne Leser natürlich eine herbe Zumutung und stand dem literarischen Erfolg dieses ansonsten faszinierenden und profunden Werks deutlich im Weg. Im Kontext der Mehrsprachigkeit der Nippon-Trilogie war ein solches Verfahren gar keine Option. Gleichwohl habe ich versucht, ein wenig von der Steifheit und der gestelzten Erhabenheit des Deutschen in der Biedermeierzeit in den ersten Kapiteln einzufangen. Der englische Schriftsteller David Mitchell berichtet im Nachwort zu seinem historischen Japan-Roman Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet , dass er vor demselben Problem stand, welche historische Sprachebene zu wählen sei. Er löste es, indem er sich eine Art eigener Vergangenheitssprache für diese Situation in Nagasaki um 1800 ausdachte, die er charmant "Bygonese" taufte [vom englischen 'gone by', 'vergangen']. Sie spielt mit historisch belegten Versatzstücken – Witzen, Sprichwörtern, Sentenzen und Topoi – und verwebt sie zu einem glaubwürdigen und vielleicht sogar romanspezifischen Dialekt, der unserem Verständnis und unserer modernen Gefühlswelt zugänglich ist. Ich bin ganz ähnlich vorgegangen, habe dieses Verfahren aber erweitert. Die aufmerksamen Leser werden sicher bemerken, wie sich die Sprache im Laufe der historischen Zeit in dem Maße verändert, wie sich die Erzählung der Gegenwart nähert. Ich muss allerdings zugeben, dass ich immer noch eine echte Bewunderung für diese präzise deutsche Hochsprache habe, mit deren raffinierten, vielleicht auch manirierten ciceronischen Satzbauten unter anderem die größten und schönsten Gedanken formuliert wurden, die man je in deutscher Sprache gedacht, gesprochen oder geschrieben sah.

 

Zum Konzept des historischen Tatsachenromans gehört auch, dass er bislang unbekannte oder unübersetzte Dokumente verwendet. Das geschieht in der Nippon-Trilogie an vielen Stellen, vor allem aber im dritten Teil Der Weg in den Krieg.  Die dort enthaltenen japanischen Propagandaschriften in den Kapiteln Kaiserliches ErziehungsediktPrinzipien des japanischen Volksgeistes und Der Weg des Untertan wurden bisher noch nie auf Deutsch übersetzt. Dabei geben sie einen einzigartigen Einblick in das Denken der damaligen politischen Eliten und weiter Bevölkerungskreise in Japan.  Sie machen auch anschaulich, was für einen Unterschied es macht, ob die Indoktrination eines Volkes nur zwölf Jahre dauert, wie während der nationalsozialistischen Revolution in Deutschland, oder über fünfzig Jahre wie in Japan. 

 

Inwiefern die Entdeckung des Ostpols auch die Entdeckung einer neuen literarischen Gattung ist und worin diese besteht, das wird in Der Weg in den Krieg – Nippon-Trilogie 3 und am Ende der Gesamtausgabe im Nachwort des Autors ausführlich erläutert. Es gehört zu den Leseproben und kann deshalb auch direkt hier aufgerufen werden.

 

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