Alexander von Humboldt

Alexander von Humboldt 1843
Alexander von Humboldt 1843

Er war der berühmteste Europäer seiner Zeit und ein Vorbild für Generationen von Naturforschern. Auch Philipp Franz von Siebold sah in Alexander von Humboldt von früher Jugend an seinen Leitstern und sein Idol. Obwohl sich die beiden Naturforscher nur ein einziges Mal persönlich begegneten, nämlich 1835 in Berlin, waren sie fast dreißig Jahre lang freundschaftlich verbunden, denn Humboldt bewunderte seinen jüngeren Kollegen nicht weniger als dieser ihn. Humboldts legendäre Kosmos-Vorlesungen und vor allem die geplante Form ihrer Veröffentlichung standen tatsächlich das Modell für Siebolds monumentales Nippon-Archiv. Es war sicher ein kleiner Triumph für Siebold, als dessen erster Band 1832 noch vor der Kosmos-Reihe erschien, die ursprünglich schon 1829 beginnen sollte. Einer der Gründe für die Verzögerung war sicher die Krankheit, die Humboldts Ärzte nicht heilen konnten und die er selbst als ‚kaltes Fieber‘ diagnostizierte.  Die Symptomatik klinischer Depressionen kannte man damals noch nicht. Bis ans Ende seines langen Lebens blieb er einer der bekanntesten Gegner der Sklaverei, ein Menschenrechts-aktivist, Antikolonialist und Liberaler von europäischem Zuschnitt. In diesen Punkten war er sich mit Philipp Franz von Siebold immer einig.     

 

Das Kapitel Freie Republik Schloss Tegel im dritten Teil der Nippon-Trilogie, das die einzige Begegnung von Siebold und Humboldt schildert, ist übrigens auch ein Versuch der Wiedergutmachung des inzwischen sechs millionenfachen Schadens, den Daniel Kehlmann mit der Vermessung der Welt angerichtet hat. Seine literarische Verleumdung Alexander von Humboldts ist beispiellos in der neueren deutschsprachigen Literatur. Die gründlichste Untersuchung von Kehlmanns fiktionaler Verächtlichmachung des Naturforschers hat der Germanist und Historiker Franz Holl 2012 vorgelegt. Das Ergebnis seiner Abhandlung ‚Die zweitgrößte Beleidigung des Menschen sei die Sklaverei ...‘ – Daniel Kehlmanns neu erfundener Alexander von Humboldt ist eindeutig: „Alexander von Humboldt war kein klein gewachsener, roboterhaft in Uniform und mit Degen den Urwald untersuchender, pädophiler, überheblicher, humorloser, fast immer schlecht gelaunter, chauvinistischer Forscher. Er war auch nicht der positivistische Läusezähler, als den Kehlmann ihn hinstellt […] Im Grunde ist Die Vermessung der Welt ein antiaufklärerisches Buch. Im besten Fall ist es nicht mehr als ein sinnfreier historischer Spaß. Wer allerdings etwas für seine Allgemeinbildung tun möchte, ist bei Die Vermessung der Welt an der falschen Adresse.“

 

Ein kurzer Exkurs: In dem Roman wird noch eine weitere Geistesgröße auf dieselbe Weise karrikiert, nämlich Immanuel Kant. Kehlmann meinte in seinem Halbwissen, dass der Mathematiker Gauß mit der Entwicklung einer nicht-euklidischen Geometrie die Philosophie Kants, insbesondere das Kapitel in der Kritik der reinen Vernunft über den Raum als sinnliche Kategorie des Verstandes, widerlegt hätte, weil sie doch auf der Geometrie Euklids und seiner Axiomatik aufbaue. Auch wenn Kehlmann sich ansonsten durch die damalige Weltgeschichte albert: In diesem Fall meinte er es plötzlich ernst. Was für ein Unfug das ist und wie nur das Gegenteil, nämlich die Erklärung der Möglichkeit einer nicht-euklidischen Geometrie anhand der Kantische Raumlehre, der Wahrheit nahe kommt, das habe ich an anderer Stelle in dem Rezensionsessay Advocatus Kanti erläutert (Quelle).

 

Wer die Entdeckung des Ostpols liest, wird seinen Bildungshunger jedenfalls stillen können, denn die Nippon-Trilogie führt ihre Leser nicht nur in die tiefsten Geheimnisse der japanischen Kultur ein, sondern sie ist auch ein detailreiches Epochengemälde dieser wissenschaftlich und politisch weltweit hochspannenden Zeit.